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HR-Interview: herCAREER-Gründerin Natascha Hoffner

Foto: Sung-Hee Seewald

Voraussichtliche Lesedauer: 6 Minuten

Natascha Hoffner ist Gründerin und Geschäftsführerin der messe.rocks GmbH. Das Unternehmen veranstaltet unter anderem die herCAREER, ein Event, das sich innerhalb von fünf Jahren zur Leitmesse für weibliche Karriereplanung entwickelt hat. Doch dann kam Corona. Ein tiefgreifender Einschnitt, natürlich. Für Hoffner vor allem aber auch ein Ansporn: Mit neuen, innovativen Ideen setzen sie und ihr Team sich weiterhin für die Chancengleichheit von Frauen in der Arbeitswelt ein.

Natascha, 2020 war ein hartes Jahr für die Messewelt. Und auch 2021 läuft bisher mit den altbekannten Einschränkungen. Wie hast du diese Zeit erlebt?

Als Gründerin einer noch jungen Messegesellschaft hat mir Corona den Boden unter den Füßen weggezogen. Vor der Pandemie war ich immer einem starken Wettbewerb ausgesetzt. Die Kunden entscheiden, was sie honorieren und was nicht. Das kann hart sein, spornt aber an, Dinge besser und anders zu machen. Die Corona-Situation ist jedoch völlig anders: Ich war schlicht meiner Geschäftsgrundlage beraubt. Diese Erkenntnis löste einen Moment der Schockstarre aus. Doch mich kann nichts so schnell umhauen: In wenigen Wochen habe ich unsere bereits vorhandenen digitalen Produkte konsequent weiterentwickelt. Im vergangenen Jahr waren wir erst mit dem Deutschen Exzellenzpreis für unseren Matching-Algorithmus für Messebesucher*innen, Sparringspartner*innen, Referent*innen und Aussteller ausgezeichnet worden. Nun ist die erweiterte Software seit Ende 2020 als herCAREER-Jobmatch für Jobsuchende und Arbeitgeber am Markt. Ich bin überzeugt: Messe kann auch digital.

Gibt es etwas ganz Spezielles, was du aus dieser Zeit gelernt hast? Für dich persönlich als auch für dein Business.

Nach fünf Jahren Unternehmertum stand meine Messegesellschaft gut da. Diesen Punkt zu erreichen, ist nicht leicht. Anfangs legte ich einfach los, ohne dass die Finanzierung komplett stand. Diese Lücke konnte ich dann aber auf dem Weg schließen. Doch dann trat der Business-Plan auf dem Papier nicht ein. Die Corona-Situation führte zu großen Herausforderungen auf vielen verschiedenen Ebenen und ich musste für so viele Dinge gleichzeitig neue Lösungen finden. Ein neues Geschäftsmodell musste her.

Zum Glück hatte ich die Jahre als Unternehmerin genutzt, um sehr viele Gespräche mit Kund*innen und Expert*innen der Digitalwirtschaft zu führen. Geschäftsmodelle entstehen nicht über Nacht, aufgrund einer genialen Idee. Es gilt, Ideen immer wieder zu modellieren und über den Tellerrand zu schauen. Nun profitiere ich von meinem Netzwerk, das ich über viele Jahre aufgebaut habe. Corona hat mir noch einmal ganz klar vor Augen geführt: Ich kann und muss nicht alles alleine machen. Ich habe mir Partner*innen ins Boot geholt, die mich unterstützen und Ideen mit mir in die Tat umsetzen. Dabei gilt: Better done than perfect. Mit einem Prototyp am Start, kann man sich laufend Feedback einholen und daran arbeiten, immer besser zu werden.

Wer und was hat dich motiviert, bei all der Unsicherheit trotzdem am Ball zu bleiben und weiterzumachen?

Die Arbeitswelt gerechter machen, Frauen stärken, Role Models eine Bühne geben und hierarchieübergreifende Netzwerke schaffen – das treibt mich an. Es ist sehr inspirierend mit so vielen Kund*innen, Unterstützer*innen und Netzwerkpartner*innen zusammenzukommen. Aus dem Austausch mit anderen ziehe ich viel Kraft für das nötige Durchhaltevermögen. Das gibt mir den Mut, Dinge einfach auszuprobieren und Kritik auszuhalten. Vom Perfektionismus habe ich mich zwar verabschiedet, aber es ist mir ein Anliegen, unsere Kund*innen mit guten Produkten zu bedienen. Ein hoher Anspruch an mich und meine Kolleginnen gehört dazu. Ich bin außerdem meinem Mann sehr dankbar, dass er mir geholfen hat, nach dem ersten Corona-Schock Abstand zu gewinnen. Wir waren letzten Sommer mit den Kids erst einmal eine Woche in den Bergen. Das hat mir viel Kraft zum Weitermachen gegeben. Dadurch konnte ich den nötigen Abstand gewinnen, um den Blickwinkel zu verändern.

Wie wird die herCAREER 2021 aussehen? Was sind deine Pläne?

Die herCAREER wird 2021 im Spätsommer wieder an den Start gehen: am 16. und 17. September in neuer Location, dem MOC in München. Wir haben bereits jetzt knapp 180 Aussteller und Partner gewinnen können und mit ihnen großartige Unternehmen, Netzwerke und Role Models. Wir planen eine Messe unter Hygieneauflagen und werden das digitale Messe-Matching weiter ausbauen. Wenn Besucher*innen ihre Kompetenzen und Interessen hinterlegen, können wir ihnen zu ihrer Situation passende Angebote und Ansprechpartner*innen vorschlagen – eine Grundlage dafür, sich gezielter auf der Messe zu bewegen. Wir begleiten die Messe auch schon im Vorfeld mit unseren neuen ganzjährigen Digitalangeboten, zum Beispiel mit dem Podcast „Let´s talk about herCAREER“ powered by LinkedIn. Darin stellen wir spannende Role Models vor.

Neu ist unter anderem der schon erwähnte herCAREER-Jobmatch. Wie funktioniert dieser und was sind die Unterschiede zu anderen Matching-Tools?

Wir schlagen Kandidat*innen, die ein Profil auf der Plattform angelegt haben, passende Stellen vor. herCAREER-Jobmatch ist also nicht die x-te Jobbörse. Das Tool setzt voll auf die weibliche Karriereplanung und berücksichtigt die Tatsache, dass Frauen sich oft erst bewerben, wenn sie 100 Prozent der von Arbeitgebern gewünschten Anforderungen mitbringen. Der Jobmatch baut solche Bewerbungshürden ab und ermöglicht einen vorurteilsfreien Bewerbungsprozess. Herkunft, Abschluss an bestimmten Bildungsinstitutionen oder Aussehen spielen beim Matching keine Rolle. Der Fokus auf fachliche Kompetenzen und Soft Skills erleichtert auch Quereinstiege, zum Beispiel in technische Berufsfelder wie der IT. Hier suchen Unternehmen händeringend nach Talenten. Deshalb bringen wir Tech-Arbeitgeber auf Wunsch auch mit potenziellen Kandidat*innen zusammen, die sich ihre Kenntnisse autodidaktisch angeeignet haben.

Mehr als die Hälfte der Besucher*innen der herCAREER haben in Befragungen angegeben, dass sie offen für einen Quereinstieg sind. Es gehört zum Konzept der herCAREER, dass wir Frauen mit entsprechenden Karrieregeschichten sichtbar machen. In diesem Jahr ist zum Beispiel Marion Sardone dabei, die als Geisteswissenschaftlerin die Sprachsysteme bei einem Automobilkonzern verantwortet. So ergänzen sich Online- und Offline-Produkte der herCAREER und zahlen alle auf das Empowerment von Frauen ein.

Was denkst du: Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf die Gleichstellung von Mann und Frau in der Arbeitswelt? Befürchtest du eher Rückschritte oder siehst du auch Chancen?

Zu Beginn der Corona-Pandemie hatte ich befürchtet, dass das Thema Gleichstellung unter den Tisch fallen könnte. Uns hatten Zuschriften und Anrufe von Frauen erreicht, die besorgt waren, dass Homeschooling, Homeoffice und Homework uns in die 50er Jahre zurückwerfen könnten. Aber nein: Das Interesse an Chancengleichheit und Vielfalt ist weiterhin hoch – in meinem Netzwerk sogar noch gewachsen. Auch Männer und Väter melden sich so stark wie nie zu Wort. Viele erkennen, was Frauen in ihren Familien und im Beruf leisten, und möchten sich in gleichem Maße in Beziehungen und bei der Care-Arbeit einbringen. Es gibt allerdings ausreichend Studien, die zeigen, dass Paare trotz gleichwertiger Ausbildung dann doch in das klassische Rollenmodelle zurückfallen. Schon immer gilt: Augen auf bei der Partnerwahl. Aber es wird auch noch einige Systemänderungen brauchen, um Gleichberechtigung zu erreichen. Ein Selbstläufer ist das trotz einer gewachsenen Aufmerksamkeit auf das Thema nicht. Frauen werden für ihre Rechte kämpfen müssen.

Wenn du in die Zukunft blickst: Bist du eher optimistisch oder pessimistisch?

Ich bin Optimistin. Deshalb dominiert bei mir die Vorfreude, im September all die vielen Akteur*innen rund um die herCAREER wiederzusehen oder erstmals persönlich kennenzulernen. In der Zwischenzeit bauen wir unsere Digitalangebote weiter aus. Im Frühjahr werden die herCAREER-Lunchdates an den Start gehen: Damit möchten wir Frauen zum fachlichen und persönlichen Austausch in einer Art digitalem Netzwerk zu ihren beruflichen Fragestellungen rund um Themen wie internationale Karriere, Quereinstieg in Tech oder Kinder und Karriere zusammenbringen. Die Idee dabei ist, dass Frauen voneinander lernen können und wie nebenbei ihr Netzwerk ausbauen. Die Wirtschaftsprofessorin Marjo-Riitta Diehl weist darauf hin, dass Frauen oft Probleme mit der „relationalen Moral“ haben: Sie bitten andere erst um etwas, wenn sie eine tiefere Verbindung hergestellt haben. Das braucht Zeit oder Netzwerkbeschleuniger wie die herCAREER-Lunchdates. Frauen dabei zu unterstützten, die Kraft des Netzwerkens zu entdecken und sich ihr eigenes Netzwerk aufzubauen, ist eine großartige Aufgabe für die Zukunft.

Haben auch Sie etwas Interessantes aus der Welt von Personalmarketing, Employer Branding oder Recruiting auf Lager und möchten davon in einen Interview erzählen? Dann schreiben Sie uns gern eine Mail an redaktion@advising-solutions.com.

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